Der TI SR-10 zum leben erweckt
Von Barb, WB2CBA, Oktober 2026
Auch wenn das Projekt nicht direkt mit dem Amateurfunk zu tun hat, dürfte es für viele technisch interessierte Funkamateure spannend sein: Der US-amerikanische Funkamateur Barb, WB2CBA, hat einen wissenschaftlichen Taschenrechner aus den frühen 1970er-Jahren originalgetreu nachgebaut. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass er die Firmware mithilfe eines KI-Programmierassistenten in rund 20 Minuten entwickelte und erfolgreich auf seiner selbst entworfenen Hardware zum Laufen brachte.
Eine alte Liebe wieder lebendig gemacht
Der Texas Instruments SR-10 war Anfang der 1970er-Jahre ein wissenschaftlicher Taschenrechner der ersten Generation. Im Vergleich zu heutigen Geräten war seine Ausstattung bescheiden. Trotzdem hat er bei vielen Menschen, die damals studierten oder technisch arbeiteten, einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Für Barb hat dieses Gerät eine ganz besondere Bedeutung. Als er 1980 sein Studium an der Middle East Technical University (METU) in Ankara begann, waren wissenschaftliche Taschenrechner in der Türkei noch ein Luxus. Im ersten Studienjahr musste er sich mit dem Rechenschieber und einem einfachen Taschenrechner begnügen.
Zu Beginn des zweiten Studienjahres schenkte ihm sein Vater einen Texas Instruments SR-10. Für Barb war das ein grosser Fortschritt. Nach dem mühsamen Rechnen mit dem Rechenschieber konnte er nun mit einem richtigen wissenschaftlichen Taschenrechner arbeiten. Später wechselte er auf einen Hewlett-Packard HP-41CV – für ihn ein weiterer Technologiesprung.
Doch der SR-10 blieb ein treuer Begleiter. Barb setzte ihn auch während seiner beruflichen Tätigkeit auf verschiedenen Baustellen und bei Bauprojekten bis weit in die 2000er-Jahre ein. Im Jahr 2004 wurde ihm das Gerät am Arbeitsplatz allerdings vom Schreibtisch gestohlen.
Der Rechner war verschwunden, die Erinnerungen daran blieben.
Der Zufall hilft nach
Ende August 2026 suchte Barb auf eBay eigentlich nach einer LED-Punktmatrixanzeige für ein ESP32-Projekt. Dabei entdeckte er eine zwölfstellige LED-Anzeige in der sogenannten Bubble-Ausführung – genau den Anzeigentyp, der auch im alten SR-10 verwendet wurde.
Für 14.95 US-Dollar wechselte das Bauteil den Besitzer. Nach der Lieferung stellte sich heraus, dass sämtliche Segmente der zwölf Stellen noch einwandfrei funktionierten.
Damit war die Idee geboren: Warum nicht den alten Texas Instruments SR-10 mit heutiger Elektronik neu aufbauen?
Moderne Elektronik im historischen Gewand
Barb entwarf eine eigene Leiterplatte und orientierte sich bei den Abmessungen und der Anordnung von Anzeige, Schalter und Tastatur am Original. Der Nachbau sollte sich möglichst ähnlich anfühlen wie der Taschenrechner, den er aus seiner Studienzeit kannte.
Als Mikrocontroller kommt ein ATmega328P-AU zum Einsatz, der bequem mit der Arduino-IDE programmiert werden kann. Die Ansteuerung der LED-Anzeige übernimmt ein preisgünstiger TM1640-Baustein. Die 24 Tasten sind als Matrix mit sechs Zeilen und vier Spalten organisiert. Das Original besitzt 23 Tasten; die zusätzliche Taste nutzt Barb zur Anzeige der Batteriespannung.
Auch bei der Stromversorgung orientierte er sich am historischen Vorbild. Statt der ursprünglich vorgesehenen 9-V-Blockbatterie entschied er sich für sechs AA-Batterien. Ein USB-zu-TTL-Konverter erleichtert das Programmieren, ohne im normalen Batteriebetrieb zusätzlichen Strom zu verbrauchen.
Die Leiterplatte wurde bewusst mit modernen SMD-Bauteilen bestückt. Auf ein geschlossenes 3D-gedrucktes Gehäuse verzichtete Barb zunächst ebenfalls: Eine obere und eine untere Leiterplattenabdeckung machen das Innenleben sichtbar.
Nach dem Zusammenbau folgte der erste Einschaltversuch – der berühmte «Smoke Test». Alles funktionierte auf Anhieb.
Claude wurde zum Programmierpartner
Nun fehlte noch die Software. Zuerst begann Barb, selbst ein Testprogramm für Anzeige und Tastatur zu schreiben. Doch bald entschied er, dass sich das Projekt hervorragend für das sogenannte Vibe Coding eignete.
Damit ist eine Arbeitsweise gemeint, bei der man die gewünschte Funktion in natürlicher Sprache beschreibt und eine KI daraus Programmcode erstellt. Barb nutzte dafür Claude Code.
Zunächst bat er die KI, anhand seines Schaltplans ein Testprogramm zu entwickeln. Dieses sollte sämtliche Segmente und Dezimalpunkte prüfen, die zwölf Anzeigestellen einzeln ansteuern und jede Taste der Matrix erfassen. Zusätzlich sollte es die Batteriespannung anzeigen und Fehler bei der Verdrahtung erkennen.
Claude erstellte das Testprogramm samt ausführlicher Anleitung. Barb lud es auf den Mikrocontroller und prüfte die Hardware. Das Ergebnis: Alle Anzeigeelemente und sämtliche Tasten funktionierten einwandfrei.
Damit war der Weg für den eigentlichen Taschenrechner frei.
Die eigentliche Herausforderung: richtig rechnen
Die nächste Aufgabe war anspruchsvoller. Die Firmware sollte sich möglichst genau wie der historische SR-10 verhalten – einschliesslich seiner Rechenlogik und Bedienung.
Barb bat Claude deshalb, eine vollständige Taschenrechner-Firmware zu erstellen. Dabei zeigte sich ein wichtiges Detail: Ein gewöhnlicher Gleitkomma-Datentyp auf dem ATmega328P bietet nur ungefähr sieben signifikante Dezimalstellen. Für den gewünschten Rechner war das zu wenig.
Die KI entwickelte deshalb eine eigene dezimale Rechenroutine mit 13 Stellen Genauigkeit. Damit sollten unter anderem auch Rechenfolgen wie 1/3×3=11/3 \times 3 = 1 und 0,1+0,2=0,30{,}1 + 0{,}2 = 0{,}3 exakt verarbeitet werden können.
Zur Bedienung gehören unter anderem:
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- Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division
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- Kehrwert, Quadrat und Quadratwurzel
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- Vorzeichenwechsel und Exponenteneingabe
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- Löschen der aktuellen Eingabe oder des gesamten Rechenvorgangs
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- Anzeige der Batteriespannung
Wie beim Original werden Operationen ohne moderne Punkt-vor-Strich-Priorität nacheinander ausgeführt. Die Eingabe «2 + 3 × 4 =» ergibt deshalb 20.
Für die Anzeige stehen zwölf LED-Stellen zur Verfügung. Bei sehr grossen oder sehr kleinen Zahlen wechselt die Firmware bei Bedarf in die wissenschaftliche Darstellung. Auch Fehlerfälle wie eine Division durch null oder die Quadratwurzel einer negativen Zahl werden behandelt.
Claude testete die Rechenroutine zunächst am Computer. Laut Barb stimmten 5524 zufällig erzeugte Testfälle für Addition, Subtraktion, Multiplikation, Division und Quadratwurzel mit den Ergebnissen der Python-Dezimalbibliothek überein. Zusätzlich wurden verschiedene Tastenfolgen und Fehlerzustände simuliert.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Diese Tests erfolgten zunächst in einer Simulation. Ob die Firmware auf der realen Hardware korrekt läuft, musste sich anschliessend in der Praxis zeigen.
Vom KI-generierten Code zum funktionierenden Gerät
Nach rund 20 Minuten Entwicklungsarbeit lud Barb die fertige Firmware auf seinen Nachbau. Und tatsächlich: Der Rechner funktionierte so, wie er es vom historischen SR-10 kannte.
Die Zusammenarbeit mit Claude war damit erfolgreich abgeschlossen. Was bei einer vollständig manuellen Entwicklung mit Recherche, Programmierung und Fehlersuche möglicherweise eine Woche gedauert hätte, war in erstaunlich kurzer Zeit gelungen.
Natürlich war das kein Projekt ohne menschliches Zutun. Barb hatte die Idee, beschaffte die Bauteile, entwickelte den Schaltplan und die Leiterplatte, definierte die Anforderungen und überprüfte die Ergebnisse auf der echten Hardware. Die KI übernahm einen grossen Teil der Programmierarbeit – die praktische Kontrolle blieb jedoch unverzichtbar.

Heute wieder im beruflichen Einsatz
Besonders schön ist, dass der Nachbau nicht einfach als nostalgisches Ausstellungsstück endet. Barb verwendet seinen neuen SR-10 inzwischen wieder bei der Arbeit. Dabei zieht das ungewöhnliche Gerät immer wieder neugierige Blicke auf sich. Wer rechnet heute noch mit einer zwölfstelligen Bubble-LED-Anzeige aus den frühen 1970er-Jahren?
Für Barb ist damit mehr als ein Elektronikprojekt gelungen: Die Erinnerungen an seinen alten, treuen Taschenrechner sind wieder lebendig geworden.
Das vollständige Projekt mit Schaltplan, Leiterplatten- und Fertigungsdaten sowie Test- und Taschenrechner-Firmware hat Barb auf GitHub veröffentlicht:
Projekt auf GitHub:
https://github.com/WB2CBA/TI-DUINO-SR-10-VINTAGE-CALCULATOR-CLONE
Ausführlicher Projektbericht mit Bildern:
https://antrak.org.tr/projeler/ti-sr10-calculator-clone-with-claude/
Das Projekt von Barb, WB2CBA, zeigt, wie sich klassische Elektronik und moderne KI ergänzen können. Die KI ersetzt weder das technische Verständnis noch die Erfahrung beim Aufbau und Testen einer Schaltung. Sie kann aber die Softwareentwicklung erheblich beschleunigen und auch bei anspruchsvollen Hobbyprojekten neue Möglichkeiten eröffnen.
Funkamateure, die Mikrocontroller einsetzen, eigene Geräte entwickeln oder ältere Technik wiederbeleben möchten, ist das eine interessante Perspektive. Vielleicht wird der nächste Selbstbau-Transceiver, Antennencontroller oder Messgeräte-Nachbau ebenfalls mit Unterstützung einer KI programmiert.
Und manchmal braucht es dazu nur eine alte Erinnerung, eine zufällig entdeckte LED-Anzeige und die Lust, etwas zum zweiten Mal zum Leben zu erwecken.
Vielen Dank an Barb, WB2CBA, für diesen inspirierenden Einblick in sein Projekt!
Danke an Hans-Peter HB9BXE für die Information zu diesem Beitrag.
